Shed

About

Bereits seit über einem Vierteljahrhundert spielt Techno die zentrale Rolle im musikalischen Leben von Shed aka René Pawlowitz. Es begann alles zu Teenagerzeiten, kurz nach der Wende Anfang der 1990er Jahre. Der musikalische Mittelpunkt: das Radio. Das Tor zur Welt im popkulturellen Ödland im brandenburgischen Schwedt/Oder, wo es im seltensten Fall Musikmagazine gab und keine älteren Brüder, die einem erzählen konnten, welche coole, neue Musik man hören soll. Stattdessen prägten Berliner Radiostationen wie DT64 und Radio 4U mit Monika Dietl, Jürgen Laarmann und später Marusha die musikalische Sozialisierung von Shed. Die futuristischen, utopischen und zuvor noch nie gehörten Techno- und House-Tracks aus Detroit, Chicago und Berlin waren der Soundtrack einer Jugend, die erlebt hat, dass Geschichte jeden Tag neu geschrieben werden konnte. Dazu fuhr man regelmäßig mit Freunden in Berliner Clubs wie dem E- Werk, Tresor und auch Elektro. Dort sammelte Shed Erfahrungen, die zeigten, was Rave bedeutet – was für eine ungeheure Kraft und Gefühl diese Musik entwickeln kann. Eine Kategorie, die René Pawlowitz in seiner Musik heute noch wichtig ist: „Rave bedeutet Abfahrt – ausgeflippt, dreckig und durchgedreht zu sein. Man kann es auch pathetisch eine Einstellung nennen. Eine Einstellung, die schon die Manchester-Rave-Bands wie die Happy Mondays hatten: über die Stränge schlagen und sich gegen den Pop-Mainstream stellen. Heute sind die meisten Festivals keine Raves mehr. Es sind Tanzveranstaltungen. Techno ist selber Mainstream geworden. Aber nach diesem Gefühl von damals suche ich immer noch in meiner Musik. Da schwingt auch ein bisschen Sehnsucht mit.“

Man könnte sagen, Shed habe die klassische Schule des Techno gelernt. Als es ihn Anfang der 2000er doch noch nach Berlin verschlug („Ich wollte da eigentlich nie hin.“), brauchte es nicht lange, bis er 2003 seine erste EP veröffentlicht hat. Tracks produzieren, Label gründen, Alias überlegen, Platten stempeln und verschicken – Techno machen heißt für Pawlowitz auch, alles selber machen zu können. Unabhängig zu sein und zugleich Freiheiten zu haben. Ob EQD, Wax, Head High, WK7 oder Seelow, Pawlowitz hat im Laufe der Jahre mehr Pseudonyme gesammelt als die meisten DJs Releases. Das Gleiche gilt auch für die Anzahl seiner Labels. „Ich kann auch nicht erklären, wieso ich unter so vielen Namen veröffentliche“, sagt er, „Verkaufstechnisch ist das kontraproduktiv. Aber es geht mir um den Spaß an der Sache. Am Ende geht es doch ums Platten machen. Auch dass man bei Releases mal mehr Geld ausgibt, als wieder reinkommt. Ich habe alle gestempelten Vinyls, die es von mir gibt, persönlich in der Hand gehabt und gestempelt. Das sind einige Tausend gewesen. Und wenn man bei einer Auflage von 200 Platten die Innenseite raus lötet, damit man den Namen nicht erkennt, kann das richtig harte Arbeit sein. Aber das alles ist neben der Musikproduktion ein elementarer Aspekt für mich.“

Wenn Shed von seiner Motivation und seiner Arbeit spricht, geht es immer auch um gutes Handwerk. Von 2006 bis 2010 arbeitete er im legendären Plattenladen Hardwax, wo er noch tiefer in die komplexe Welt von Vinyl, Distribution, Meinungsführerdasein und elektronischer Musik eintauchen konnte. Oder wie sein Großvater schon immer zu ihm sagte: „Kunst kommt von Können.“ „Musik ist Handwerk. Techno erst recht. Um gute Tanzmusik machen zu können, muss sie funktionieren. Man sollte wissen, was man tut“, erklärt Shed. Dabei wurde von ihm ein zentrales Element besonders perfektioniert: die Bassdrum. Sheds Bassdrums sind eigene Welten. Kicks, die Dancefloors mit cineastischem Leben füllen, ja, Metaphysischem. Es waren auch diese Bassdrums, die seine Power-House-Releases als Head High/WK7 Anfang der 10er Jahre zu einem der größten Hypes der Hardwax-Geschichte machten.

Wenn René Pawlowitz als Shed Alben produziert, nimmt das funktionale Handwerk eine untergeordnete Stelle ein. Sie ist die Basis, stellt das Fundament, aber es geht um mehr. Bei seinen Alben ist Shed ein dezenter Meister des Storytelling. Es geht um Geschichte, Persönliches und dem Anspruch, etwas Zeitloses zu schaffen: „Ich möchte Musik machen, die ich in 20 Jahren noch ohne schlechtes Gewissen hören kann. Dabei geht es nicht um Trends, sondern um das Schöne in der Musik. Ich möchte etwas Emotionales schaffen. Die Musik machen, die ich gerne hören möchte. Es klingt profan, aber zeigt mir auch erst, ob ich etwas guten Gewissens veröffentlichen kann oder nicht.“ Sein Debüt von 2008 „Shedding The Past“ (Ostgut Ton) wurde von Resident Advisor und De:Bug zum Album des Jahres gewählt. Shed schaffte dabei einen respektvollen und kongenialen Zugang zu Techno, Hardcore Continuum, UK, Berlin, Detroit und ihrer Geschichte. Zugleich erfand er einen feinfühligen Sound, der zwar voller klassischer Referenzen ist, in dieser Fülle und Intelligenz aber noch nie zuvor produziert wurde. Es folgten die Alben „The Traveller“ im Jahr 2010 (Ostgut Ton) und „The Killer“, das 2012 bei 50 Weapons erschien. 2017 erscheint mit „The Final Experiment“ das vierte Album von Shed. Ein weiterer wichtiger Schritt in der musikalischen Entwicklung von René Pawlowitz. Ein schillerndes, intimes, vom Dancefloor emanzipiertes, kluges Werk. Kritiker sagen, es sei sein bestes.